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Auf dem Philologentag in Goslar am 27. November 2013 äußerte sich Horst Audritz bemerkenswert klar zu den Folgen von G8:

Es kann und darf nach unserer Auffassung auch nicht unberücksichtigt bleiben, dass die überwältigende Mehrheit der unmittelbar Betroffenen Lehrer, Eltern und Schüler sowie deren Organisationen wie Philologenverband, GEW und der Verband der Elternräte an Gymnasien aus vielen guten Gründen eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium fordert.

Nach dem Dialogforum in Loccum wurde eine Expertenkommission eingesetzt, die ergebnisoffen die Problematik erörtern soll. Doch soll sie das wirklich, fragen wir uns inzwischen, wenn wir die Verfahren unter der Lupe der gewissenhaften Analyse betrachten. Denn es wird allmählich immer deutlicher, dass regierungsseitig offenbar nicht an eine Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit an Gymnasien gedacht ist, dass die propagierte Ergebnisoffenheit des Dialogs längst ad acta gelegt ist, wenn sie denn überhaupt jemals mehr als eine Beruhigungspille gewesen sein sollte.

Wer an dieser Einschätzung seine Zweifel hat, der möge dazu die Aussagen der bereits oben zitierten Arbeitsgemeinschaft für Bildung der SPD beim Treffen der norddeutschen Länder in der letzten Woche zur Kenntnis nehmen. Dort heißt es: G8 ist der Lernweg des Gymnasiums, G9 ist der Lernweg der Gemeinschaftsschule (bzw. Oberschule, Stadtteilschule, Gesamtschule). Und weiter heißt es: Die Arbeitsgemeinschaft für Bildung der SPD lehnt allgemein G9 oder wahlweise G8/G9 an Gymnasien ab.

Immer deutlicher zeichnet sich also ab, dass die niedersächsische SPD G8 beibehalten und stattdessen durch eine Senkung von Leistungsanforderungen Eltern und Schüler beschwichtigen will. Niemand anderes als Ministerpräsident Weil persönlich konterkarierte Mitte Oktober die Behauptung von der Ergebnisoffenheit in einer Rede vor Studienanfängern in Hannover, wo er zwar zugab, die Verkürzung der Schulzeit sei ein Schuss ins Knie gewesen, dann aber weiter ausführte: Eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren sei unrealistisch. Das Kultusministerium erarbeite aber Alternativvorschläge mit mehr Luft für alle Beteiligten, so das wörtliche Zitat.

Zu den Plänen, die Leistungsanforderungen zu senken, etwa durch die weitgehende Abschaffung schriftlicher Leistungsüberprüfungen, was der Ministerpräsident euphemistisch mit mehr Luft schaffen für alle Beteiligten umschreibt, kann ich nur das Eine sagen: Unsere Schülerinnen und Schüler werden dafür später, spätestens im Studium, die Zeche bezahlen müssen. Dies ist ein gefährlicher, ein törichter, und ein unverantwortlicher Irrweg, auf den man junge Menschen schickt, und dies dürfen und werden wir nicht zulassen.

Meine Damen und Herren,

angesichts der Tatsache, dass sich G 8 eindeutig negativ auf die Bildungs- und Erziehungsarbeit der Gymnasien ausgewirkt hat, angesichts der Tatsache, dass die große Mehrheit der Eltern und Schüler für die Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit eintritt, kann die sich jetzt abzeichnende Linie der rot-grünen Landesregierung nur als eine bewusste und gezielte Benachteiligung des Gymnasiums verstanden werden. Man will der IGS mit der dortigen neunjährigen Schulzeit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und die Leistungsfähigkeit der Gymnasien durch eine Senkung der Leistungsanforderungen schwächen. Das passt nur zu gut in die von mir eingangs aufgedeckte Gesamtzielsetzung der strukturellen Bevorzugung der Gesamtschule.

Meine Damen und Herren,

jeder, der die Dinge unvoreingenommen betrachtet, sieht, mit welcher zeitlichen Überforderung gerade und insbesondere auch die Mittelstufenschüler durch G8 belastet sind, wie sehr Schulleben und Arbeitsgemeinschaften, Hobbys und private Aktivitäten der Schüler in Musikschulen, Sportvereinen und bei der Feuerwehr zu kurz kommen oder nicht mehr möglich sind. Bildung braucht Zeit, und dies gilt auch und insbesondere für die Persönlichkeitsbildung. Unter der verkürzten Schulzeit leiden insbesondere auch die Schülerinnen und Schüler, die besonderer Unterstützung und Förderung bedürfen, um das Abitur zu erreichen. Das können und wollen wir nicht hinnehmen. All diese Probleme, die ich hier nur angedeutet habe, lassen sich nicht durch ein Herumdoktern an G8 und durch Absenkung der notwendigen Leistungsanforderungen lösen, sondern nur durch eine Rückkehr zu G9. Dies fordern die Schüler, dies fordern die Eltern, dies fordern wir. Frau Ministerin, wir appellieren an Sie: Geben Sie dem Gymnasium im Interesse seiner Schülerinnen und Schüler umgehend G9 zurück!