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Der Runde Tisch hat mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Bürgerinitiativen sog. „Verbesserungsvorschläge“ für G8 beschlossen. Zum Vorgehen und der Struktur dieses Gremiums verweisen wir auf die entsprechende zusätzliche Stellungnahme.
Zu den Inhalten der „Verbesserungsvorschläge“ nehmen wir als Minderheit am Runden Tisch und Vertreter der Mehrheit der Bevölkerung (vgl. die repräsentative Umfrage von Forsa im März 2014) wie folgt Stellung:

1. Empfehlung: Nutzung der Ergänzungsstunden auf eine neue Grundlage stellen
Die Empfehlung läuft darauf hin aus, dass für manche Schüler EINE Stunde pro Woche weniger Unterricht stattfinden KANN. Um wie viele Schüler es sich dabei handelt bleibt unklar: Wird die Ergänzungsstunde als individuelle fachliche Förderung genutzt, werden gerade die schwachen und durch G8 belasteten Schüler diese nutzen und damit nicht entlastet. Wird diese Stunde jedoch eher für außercurriculare Inhalte genutzt, geht dies zu Lasten der Qualität des fachinhaltlichen Unterrichts, der durch G8 bereits qualitativ entwertet worden ist. Die Maßnahme ist also entweder für die G8 belasteten Schüler annähernd bedeutungslos oder schlimmstenfalls bezüglich der Entlastung und gleichzeitigen Qualitätswahrung kontraproduktiv.

2. Empfehlung: Hausaufgaben begrenzen, Lernzeiten entwickeln.
Die Empfehlung einer teilweisen Abschaffung/Umwandlung der Hausaufgaben missachtet die Notwendigkeit eines individuellen Lernens in Ruhe zu Hause und nicht in der Unruhe eines Klassenverbands und zeigt den Mangel an Kompetenz in Bezug auf lernpsychologische Grundlagen, die dieser Empfehlung innewohnt. Zudem geht die Empfehlung an der schulischen Realität vorbei. Die Begrenzung der Hausaufgabenzeit ist bereits heute undurchführbar, müssten sich dazu doch alle Lehrer einer Klasse täglich absprechen. Die Empfehlung weist bereits in der Nutzung der Formulierungen „Klarstellung“ und „Hausaufgaben können individuell aufgegeben werden“, dass es sich dabei um Absichtserklärungen handelt, die den einzelnen Lehrer in seiner Arbeit kaum erreichen werden und damit ohne Folge für den Schulalltag bleiben werden.

3. Empfehlung: Zahl der Klassenarbeiten pro Woche stärker begrenzen
Die Empfehlung hat praktisch keine Bedeutung für den schulischen Alltag, weil bereits in den Arbeitsgruppen von allen an Schule beteiligten Gruppen deutlich gemacht wurde, dass diese schon längst Praxis sind. Hier zeigt sich unter anderem, dass die Intention der Empfehlungen ausschließlich politischer Natur ist, öffentlichkeitswirksam sein sollen und keine Entlastung der Schüler darstellen.

4. Empfehlung: Fächerbindung in der Jahrgangsstufe 9 lockern
Die Empfehlung stellt keine Entlastung der Schüler dar, weil es um eine Verschiebung der Unterrichtsstunden geht. Dass dadurch eine verstärkte Belastung der Schüler an anderen Stellen entsteht, wird nicht benannt.

5. Empfehlung: Schülerlaufbahnen in der Sekundarstufe I stärker unterstützen
Offensichtlich geht es hier darum, Schüler, die seitens der Schule als nicht gymnasialtauglich eingeschätzt werden, frühzeitig zum Schullaufbahnwechsel zu animieren. Eine Entlastung für andere Schüler stellt dies nicht dar.

6. Empfehlung: Nachmittagsunterricht, schulische Ganztagsangebote, außerschulische Angebote und Freizeit in Einklang bringen
Die Benennung der Anzahl an Nachmittagsunterricht zeigt die Realitätsferne der Empfehlungen, die am Reißbrett entstanden ist und die die Umsetzung im Alltag der Stundenplanentwicklung ignoriert. Es sind nämlich nachweislich bisher an Schulen Unterricht bis in die Abendstunden (19.30 Uhr), 7 Stunden Unterricht ohne Pause und schulischen Verpflichtungen inklusive Hausaufgaben bis nachts eine G8 immanente Notwendigkeit. Inwiefern diese an Schule - auch bisher nicht aus Ignoranz, sondern als organisatorische Notwendigkeiten - durchgeführten G8-Umsetzungen durch diese Empfehlungen änderbar sind, ist nicht ausgeführt. Die Empfehlung hat zudem vor allem appellativen Charakter, wie man den Begriffen „sollte keinen Nachmittagsunterricht haben“ oder „findet in der Regel kein Unterricht in Fächern mit Klassenarbeiten statt“ entnimmt. Es gibt keine Verpflichtung für die Schulen. Nach den Erfahrungen der gescheiterten Versuche der Optimierung von G8 in den letzten Jahren ist davon auszugehen, dass auch diese Aufrufe im Wesentlichen bedeutungs- und wirkungslos bleiben werden.

7. Empfehlung: In den Gymnasien wird eine neue „Anerkennungskultur“ etabliert
Die Empfehlung bleibt in Bezug auf eine konkrete Umsetzung diffus, hat keine nennenswerte Bedeutung in Bezug auf Realisierbarkeit und ist ohne daher ohne positive Wirkung für die Belastung der Schüler: Die hier und auch in anderen Empfehlungen wiederholt genannten Veröffentlichungen singulärer sog. „best practise“ – Beispiele geht an keiner Stelle der Frage nach, inwiefern eine Veröffentlichung solcher politisch gewünschter Gestaltungen eine sinnvolle Auswirkung für andere Schulen hat.

8. Empfehlung: Bestehende schulinterne Lehrpläne erneut überprüfen
Auch diese Empfehlung ist nur ein Aufruf an die Schulen ohne Verbindlichkeit. Sie geschieht zudem auf dem Rücken der Lehrer, die erneut die schulinternen Curricula bearbeiten sollen. Ziel ist hier nur eine weitere Senkung des Niveaus der Unterrichtsinhalte, wobei die Verantwortung dafür den Lehrern auferlegt wird. 

9. Empfehlung: Gestaltungsmöglichkeiten in der Oberstufe stärker nutzen
Die Entlastung der Oberstufe ist in Anbetracht der Praxis, von zum Teil bis zu 10 Stunden Unterricht pro Tag und der einhergehenden Beendigung von Hobbys durch viele Schüler dringend erforderlich. Formulierungen in den Empfehlungen wie „Schulen achten auf (...) ausgewogenen Balance“, „es soll empfohlen werden...“ und „verstärkte Bewerbung von Projektkursen“ zeigen, dass hier nur von der Ursache, nämlich der Ausweitung der Pflicht-Wochenstundenzahl auf 34 durch G8 abgelenkt werden soll.

10. Empfehlung: Wirksamkeit der Maßnahmen sichern und evaluieren
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Sicherung und Evaluation von einschneidenden Maßnahmen wie der Schulzeitverkürzung unbedingt vor der Einführung in Form eines Modellversuches hätte durchgeführt werden müssen. Dies ist nicht geschehen! So wurde die G8-Reform als Konstruktionsfehler eingeführt. Die Vergangenheit hat bei sämtlichen Verbesserungsversuchen gezeigt, dass diese keine praktische Relevanz und letztlich keine substantielle Abhilfe geschaffen haben. Auch gibt es weiterhin keinerlei Sachargumente für den Beibehalt der verkürzten Schulzeit an den Gymnasien. Auf Grund der zu erwartenden Wirkungslosigkeit für den Schulalltag der nun angedachten neuen Empfehlungen zur "Verbesserung" von G8 ist eine Evaluation an dieser Stelle nicht indiziert. Die Zeit der Möglichkeiten von Evaluationen zu G8 ist circa 10 Jahre nach der Einführung dieser Reform abgelaufen. Es ist zudem die kritische Beurteilung der Art und Weise notwendig, wie bislang in Deutschland Evaluationen im Bereich der Bildung durchgeführt wurden und werden. Diese, von der Ökonomie gesteuerten "Rankings" (wie zum Beispiel PISA) sind als Evaluationen nicht erstrebenswert und verschleiern absichtsvoll den wirklichen Stand der Bildung der Schüler. Es muss hier ein grundsätzlicher Wandel in Bezug auf die wissenschaftliche Erhebung der Bildung sowie eine Ablösung von ökonomisch gesteuerter Forschung stattfinden. Die hier in der Empfehlung geforderte Evaluation erweist sich als Offenbarungseid zur G8-Reform.

Fazit:

Bei den Empfehlungen handelt es sich im Wesentlichen um Absichtserklärungen ohne Verbindlichkeit. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass diese eine Umsetzung an der Basis findet und eine Entlastung der G8-Schüler bewirkt. Eines der Hauptprobleme von G8, die mangelnde Reife der Schüler beim Lernen im Vergleich zu G9 und der Entscheidung für eine weitere schulische und berufliche Laufbahn wird in den Empfehlungen gar nicht berücksichtigt. Es wird insgesamt – wie im gesamten Prozess - deutlich, dass es sich bei dem von Ministerin Löhrmann in der Öffentlichkeit dargestellten offenen Diskurs in der Diskussion über G8 und G9 tatsächlich um den von vorneherein feststehenden Versuch gehandelt hat, mit allen politischen Mitteln am gescheiterte G8 festzuhalten. Die Empfehlungen haben im Kern vor allem die Absicht, die aufgebrachte Stimmung gegen G8 in der Bevölkerung psychologisch, nicht inhaltlich, zu dämpfen. Dadurch soll weiterhin der eingeschlagene Weg einer Schulpolitik fortgesetzt werden, die keine tiefergehende Bereitschaft zeigt, sich der Kritik der breiten Mehrheit der Bevölkerung zu stellen und von der G8-Schulzeitverkürzung tatsächlich Abstand zu nehmen. G8 besitzt nach den Erfahrungen der letzten Jahre keine inhaltliche Berechtigung mehr. Auch die öffentlichkeitswirksame große Anzahl von 10 Empfehlungen kann auf Grund des Nachweises ihrer Bedeutungslosigkeit nicht darüber hinwegtäuschen.

Dies alles geschieht vor allem auf Kosten der betroffenen Schüler und Familien sowie auf Kosten einer nachhaltigen Bildung!