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Der Siegener Professor Ingo Baldermann benennt in seinem aktuellen Aufsatz die besorgniserregenden Entwicklungen im deutschen Bildungswesen beim Namen: "Tödliche Reformen". Baldermann schreibt: "Was in der Geschichte der Bundesrepublik zuvor undenkbar war, dass alle Bundesländer sich einigen konnten, ist geschehen: Beschlossen wurde eine „Reform“ des gesamten Bildungswesens, und zwar nicht im Sinne einer befreienden Vision, sondern nach Normen, die ganz von außen kamen, vorbei an allen politischen oder pädagogischen Kontrollinstanzen."

Die Einführung der Schulzeitverkürzung in Deutschland war eine Reaktion auf den sogenannten PISA-Schock im Jahr 2001. Damals wurde die Qualität des deutschen Bildungswesens und seine Überlegenheit im internationalen Vergleich negiert und zum Beispiel Südkorea als Vorbild des Schulwesens dargestellt. Professor Baldermann nennt dies ein Beispiel für "name and ashame": "Die Veröffentlichung solcher Testergebnisse in Form eines ranking gehört zu den neu entdeckten Strategien der Meinungsmanipulation. Die den Anforderungen der Tester nicht genügten, werden öffentlich benannt („name“), und das hat für sie alle die Wirkung eines öffentlichen Prangers. So veröffentlicht wirkt die Beschämung unwiderstehlich."

"Allein die Grundmethodik, dass nicht Schüler nach dem Schulabschluss miteinander verglichen werden, sondern Schüler des gleichen Alters - unabhängig von der Schulzeit, zeigt, dass es bewusstes Ziel war, Länder mit längerer Schulzeit und umfassenderer Bildung schlecht dastehen zu lassen", kommentiert dazu Marcus Hohenstein, Sprecher der Elterninitiative "G9-jetzt! NRW". Den PISA-Schock 2001 beurteilt der Paderborner Professor für Mathematikdidaktik Wolfram Meyerhöfer wie folgt: "Nirgendwo wurde Pisa so aggressiv vermarktet wie bei uns. Es geht darum, dieses bis dahin immer sehr geistig orientierte Land für eine gewaltige Testindustrie zu öffnen und geistige Beschränkung und Standardisierung als Fortschritt zu verkaufen. Es gibt keine einzige politische Entscheidung, die aus Pisa wirklich ableitbar wäre – auch wenn es natürlich viele solche Entscheidungen gibt, die man gern mit Pisa legitimiert."

Gleichzeitig wurden in Nordrhein-Westfalen sogenannte "kompetenzorientierte Lehrpläne" eingeführt. Baldermann nennt die Folgen dieses Ansatzes: "Das heißt, dass jeder Lernprozess durch einen Test überprüft werden soll – als ob wir nicht wüssten, dass auf diesem Wege nur Randprodukte des Unterrichts erfasst werden können, niemals aber die Intensität und Nachhaltigkeit des Lernens. Wird die Überprüfung durch den Test zum entscheidenden Kriterium des Unterrichts, so wird unweigerlich das learning for test zur beherrschenden Motivation der Schülerinnen und Schüler – und damit verändert sich alles Lehren und Lernen von Grund auf. Dieses „learnig for test“ lässt jede Nachhaltigkeit vermissen, weil alles unter diesem Druck Gelernte spätestens nach 14 Tagen wieder vergessen ist."

Martha Nussbaum (Professorin an der Universität von Chicago) bilanziert das Ergebnis dieser „Reformen“: „Die demokratische Erziehung ist fast k. o.“ Diese Krise ist „lautlos“ gekommen, „bislang weitgehend unbemerkt, so wie ein Krebsgeschwür“.

Im Endergebnis kommt Baldermann zu einem bestürzenden Urteil über diese Entwicklungen: "So sind diese „Reformen“ wahrhaftig ein Angriff auf die Fundamente der Demokratie, zugleich aber auch ein fundamentaler Verrat an dem, was bisher als Grundlage aller Pädagogik galt: sich selbst zu begrenzen in dem grundlegenden Respekt vor der Einzigartigkeit und dem Eigenrecht jedes Kindes und Jugendlichen, und daraus folgend die Weigerung, Kinder und Jugendliche zu Objekten erzieherischer Absichten zu machen; die Aufgabe, sie als Subjekte wahrzunehmen und sie mit dem auszustatten, was sie brauchen, um ihr Leben selbstbestimmt zu leben und ihre Lebenschancen kreativ wahrzunehmen – und dies gerade auch gegen Widerstände."

Eine Schülerin der Jahrgangsstufe 12 schrieb Baldermann in einem Resümee über ihre Schulzeit: „Wenn ich Hesse lese oder so viel anderes darüber, was der Mensch ist, dann ist die Schule ein Verbrechen, weil Kinder dort alles verlernen, was das Menschsein ausmacht.“

"Der Zwang zum Nachmittagsunterricht, der mit der Schulzeitverkürzung verbunden ist, greift massiv in den privaten Bereich der Kinder und Jugendlichen und der Familie ein. Das von der Politik gegen den erklärten Willen von 80 % der Eltern (und 74 % aller Wähler) rigoros durchgesetzte G8 ist durch nichts zu rechtfertigen", resümiert Hohenstein.