In Mathematik und den Naturwissenschaften liegt NRW auf den letzten Plätzen. Elterninitiative sieht den Grund dafür in G8.

Die Elterninitiative "G9 jetzt NRW" sieht den Leistungsvergleich der Schüler der 9. Klassen als "weiteren Beleg" für die negativen Folgen des Turbo-Abiturs in Nordrhein-Westfalen. Im Auftrag der Kultusministerkonferenz untersuchte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen im Jahr 2012 das Fachwissen und den Lernzuwachs der Schüler in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik. Dabei kam Nordrhein-Westfalen in allen Fächern auf die letzten Plätze, in Physik sogar auf den letzten Platz.

Rheinland-Pfalz hingegen, wo das Abitur nach 13 Jahren beibehalten wurde, belegt in allen Fächern den ersten oder zweiten Platz unter den westdeutschen Bundesländern, obwohl rheinland-pfälzische Gymnasiasten erst nach der der 10. Klasse die Sekundarstufe I abschließen und deshalb in Klasse 9 im Stoff weniger weit sind. Die Vergleichstests seit PISA benachteiligen Länder mit G9, da nicht Abschlussklassen verglichen werden, sondern Schüler in der Abschlussklasse mit Schülern im vorletzten Jahr. "Bei einem fairen Vergleich wäre der Vorsprung für Rheinland-Pfalz noch größer," sagt Marcus Hohenstein, der Sprecher der Elterninitiative "G9 jetzt NRW".

"Wer nachmittags Unterricht hat, lernt weniger!", resümiert Hohenstein. Durch das Schnell-Abitur müssen Kinder in NRW ab der 6. Klasse von 8 bis 16 Uhr im Unterricht sitzen. Auch an Haupt- und Realschulen erhöhte die nordrhein-wesrfälische Landesregierung im Jahr 2005 die Zahl der Unterrichtsstunden und machte Nachmittagsunterricht verpflichtend. Außerdem müssen Schüler in NRW bereits ein Jahr früher als Schüler in Rheinland-Pfalz Latein oder Französisch lernen. "Unsere Schüler sind überlastet. Sie haben zu wenig Freizeit. Außerdem leidet der Lernerfolg", meint Hohenstein.

In der 6. Klasse lernen die Schüler Bruchrechnung. Nach Einschätzung von Pädagogen ist sie sehr wichtig für die weitere Mathematik und Physik. Wenn Kinder in dieser Zeit durch Nachmittagsunterricht und eine weitere Fremdsprache belastet werden, bleibe ihnen keine Zeit und keine Motivation für mathematische Bildung übrig. "Die nordrhein-westfälische Bildungspolitik verwechselt Kinder mit Lernmaschinen", kritisiert Marcus Hohenstein. "Wer glaubt, in neun Stunden am Tag mehr zu lernen als in sechs, verkennt die Grundlagen aller Lern- und Konzentrationstheorien." Diese Theorien sagen, dass ein Mensch nur eine begrenzte Zeit aufnahmefähig ist.

Auch der Philologenverband Baden-Württemberg kritisiert die Verkürzung auf acht Schuljahre: "Die Vorverlagerung abstrakter Bildungsinhalte und komplexer Zusammenhänge durch die G8-Bildungsplanreform in frühere Klassenstufen entspricht nicht der Einwicklungspsychologie der Kinder und Jugendlichen. Durch die zeitliche Komprimierung erhöhen sich die Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler in G8. Dadurch droht ein Niveau- und Qualitätsverlust gymnasialer Bildung."

"In Nordrhein-Westfalen ist dieser Qualitätsverlust inzwischen eingetreten. Das zeigt die aktuelle Studie", sagt Hohenstein. Deshalb fordert die Elterninitiative "G9 jetzt NRW" Wahlfreiheit für Eltern, die ihr Kind an einem G9-Gymnasium mit höchstens 6 Stunden Unterricht am Tag anmelden wollen. In Hessen ist dies bereits an der Hälfte der Gymnasien möglich.

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