Geschwister-Scholl-Gymnasium, Landeshauptstadt Düsseldorf

Offener Brief an

  • das Ministerium für Schule und Weiterbildung in NRW
  • die Fraktionen des Landtags NRW
  • die Organisationen des Runden Tisches

mit Durchschrift an

  • die Lokalpresse und überregionale Presse (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche, Die Zeit, Der Spiegel)
  • Medien (WDR-Redaktion Düsseldorf)

Sehr geehrte Frau Ministerin Löhrmann,

sehr geehrte Mitglieder der Fraktionen des Landtags in NRW,

die Schulkonferenz des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Düsseldorf bittet das Ministerium für Schule und Weiterbildung und die im Landtag vertretenen Par­teien, die SPD, Die Grünen, die CDU, die FDP, Die Linke, Die Piraten und die Me­dien, sich dafür einzusetzen, dass das Land Nordrhein-Westfalen die weitere ge­plante Kürzung der Lernzeiten am Gymnasium in Form von gekürzten Zeiten für Hausaufgaben zurücknimmt und zu einer Regellernzeit von 6 Jahren in der Se­kundarstufe I und 3 Jahren in der Sekundarstufe II zurückkehrt.

Anlass für die erneute Bitte an das Bildungsministerium und die Landtagsfraktio­nen ist die Veränderung des Hausaufgabenerlasses, den das Ministerium für die Sekundarstufe I beschlossen hat.

Diese Vorgaben beinhalten als zentralen Punkt eine Reduktion der Hausaufgaben von 90 auf 60 Minuten an 5 Schultagen pro Woche in den Jahrgangsstufen 5-7 und von 120 auf 75 Minuten in den Jahrgangsstufen 8-9. Wie bisher gilt die Regel, dass keine Hausaufgaben von einem Unterrichtstag (1) zum kommenden Unterrichtstag (2) aufgegeben werden dürfen, wenn die Klasse an dem Unter­richtstag (1) Nachmittagsunterricht hat.

Für unser Gymnasium stellt sich die Situation wie folgt dar: In Jahrgangsstufe 5 gibt es an unserem Gymnasium keinen Nachmittagsunterricht und somit beträgt der Umfang der täglichen Hausaufgaben 60 Minuten pro Tag. In Jahrgangsstufe 6-8 findet an einem Nachmittag Unterricht statt und in Klasse 9 an zwei Nachmittagen. Somit verkürzt sich das Hausaufgabenvolumen in Klasse 6 und 7 auf 4 mal 60 Minuten, in Klasse 8 auf 4 mal 75 Minuten und in der 9. Klasse auf 3 mal 75 Minuten.

Geht man nun davon aus, dass auf die Hauptfächer Deutsch, Englisch, Mathema­tik sowie die Fremdsprachen Französisch oder Latein ab Jahrgangsstufe 6 insge­samt 50% der wöchentlichen Hausaufgabenzeit und auf alle Nebenfächer ge­meinsam ebenfalls 50% der wöchentlichen Hausaufgabenzeit entfallen, ergeben sich folgende Hausaufgabenzeiten für die einzelnen Fächer in den Jahrgangsstu­fen 5-9:

Jahr­gangHausaufgaben­zeit in Minuten pro freiem NachmittagFreie Nachmittage pro WocheSumme in Minuten / WocheZahl der Haupt­fächerMinuten pro Hauptfach pro WocheZahl der Nebenfächer ohne SportMinuten pro Nebenfach pro Woche
5 60 5 300 3 50 6 25
6 60 4 240 4 30 6 20
7 60 4 240 4 30 5 24
8 75 4 300 4 38 7 21
9 75 3 225 4 28 9 13

Hausaufgaben pro Fach und Jahrgangsstufe am Geschwister-Scholl-Gymnasium Düsseldorf

Prämisse: Alle Hauptfächer gemeinsam haben 50% der wöchentlichen Hausaufgabenzeit zur Verfügung und alle Nebenfächer gemeinsam ebenfalls 50% der wöchentlichen Haus­aufgabenzeit

Hier Beispiele der Fächer Mathematik und Englisch, die aufzeigen, welche kon­kreten Auswirkungen dieser Hausaufgabenerlass hat:

Im oft angeführten Problemfach Mathematik steht die Hausaufgabenreduktion im Widerspruch zu der Erweiterung der in den neuen Kernlehrplänen G8 gefor­derten Inhalte bzw. Kompetenzen, den Zentralen Klausuren und den Zentralen Abiturprüfungen, auf die die Schule keinen Einfluss hat.

Defizite aus der Sekundarstufe I können aufgrund der Erweiterung der Themen in der Sekundarstufe II und der deutlichen Erhöhung der Anforderungen (qualitativ und quantitativ) in den Zentralen Prüfungen (EF) und im Zentralabitur im Ver­gleich zu G9 in der Sekundarstufe II nur bedingt aufgearbeitet werden. Es werden daher vor allem lernschwächere Schülerinnen und Schüler durch diese Maßnah­me benachteiligt, zumal das bislang überwiegend in die Hausaufgaben delegierte Einüben "handwerklicher" mathematischer Fertigkeiten zukünftig nicht mehr in für diese Schülerinnen und Schüler erforderlichem Maße stattfinden können wird.

Beispiel für Hausaufgaben Englisch in einer 7. Klasse:

Durch die Reduktion auf 30 Minuten pro Hauptfach pro Woche ergibt sich an unserem Gymnasium eine Hausaufgabenzeit in Englisch von 15 Minuten pro un­terrichteter Doppelstunde, also ca. 7 Minuten pro unterrichteter Einzelstunde Englisch.

In dieser kurzen Zeit schaffen gute Schüler ca. 2-3 Übungen im Workbook. Eine zusätzliche Nachbereitung des Unterrichts ist kaum noch möglich. Schwierig wird es dann, wenn neue Textformen (z.B. Zusammenfassungen) oder neue Gramma­tiken geübt werden sollen. Auch das Lernen von neuen Vokabeln beansprucht weit mehr Zeit als 7 Minuten.

Dies alles in den Unterricht zu verlegen ist kaum eine Alternative, da durch die Verkürzung auf G8 die Zeit für den Unterrichtsstoff sowieso sehr knapp ist.

Die Schulkonferenz sieht mit großer Sorge, dass sich durch diese Reduktion der Hausaufgaben in Folge der Einführung von G8 die Bildungsstandards nicht mehr halten lassen.

Es wäre hierbei auch zynisch zu argumentieren, durch die Kompetenzorientie­rung am Gymnasium wäre es ohnehin nicht mehr erforderlich, so viel Wissen zu erwerben, da man „im Internet ohnehin alles nachschlagen könne", dass z.B. eine Facharbeit mit einem Übersetzungsprogramm sich in jede beliebige Fremd­sprache hinreichend verständlich übersetzen ließe oder komplexe Aufgaben in Mathematik bis zum Abitur durch ihre Eingabe in ein Computerprogramm sich in Sekundenschnelle lösen ließen.

Unsere moderne Welt erfordert eine Kompetenzorientierung, bei der der Wis­senserwerb mit der Kompetenz, sich Wissen zu verschaffen, ergänzt wird durch die Fähigkeit, in komplexen - den Zielen der Nachhaltigkeit verpflichteten! - Zu­sammenhängen zu denken und sie verlangt einen Bildungs- und Erziehungsprozess, der die individuellen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler entdeckt und entfaltet.

Die Schulkonferenz sieht daher mit Sorge, dass das Hausaufgabenkonzept den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler nur zum Schein erleichtert, da insbe­sondere den schwächeren Schülerinnen und Schülern suggeriert wird, sie könn­ten auch mit weniger Leistung erfolgreich ihre Schullaufbahn beenden und mit Erfolg studieren. An dieser Stelle sei der Hinweis darauf erlaubt, dass bereits bei G9 die Durchfallquoten bei vielen Studiengängen an zahlreichen Universitäten über 50% betrugen und daher die Schulzeitverkürzung mit verkürzten Hausauf­gaben den Studienchancen einen Bärendienst erweist.

Das Ministerium hat jedoch Recht: Für - besonders - begabte Schülerinnen und Schüler stellen weder G8 noch der Hausaufgabenerlass eine unüberwindbare Hürde dar, da sie durch ihr Können, ihre Motivation und ihr Lernumfeld über genügend Möglichkeiten verfügen, den Anforderungen in vollem Umfang ge­recht zu werden. Auch an unserem Gymnasium sehen wir mit Freude, dass es 1-3 von 120 Schülerinnen und Schülern bei G9 gelungen ist, eine Jahrgangsstufe zu überspringen oder mit 15 Jahren das Abitur abzulegen und es auch bei G8 ge­lingt, z.B. ohne Vorkenntnisse in Deutsch in Jahrgangsstufe 7 ein Abitur mit der Durchschnittsnote 1,0 zu erreichen oder im Alter von 9 Jahren mit Erfolg eine 5. Klasse zu besuchen.

Die Vorstellung des Ministeriums und der im Landtag vertretenen Parteien, dass inzwischen alle Schülerinnen und Schüler zu den Hochbegabten zählen und mit weniger Lern- und Hausaufgabenzeit dieselben Lernziele erreichen könnten, hal­ten wir jedoch für abwegig.

Insofern ist für uns unbestritten, dass das 9-jährige Gymnasium den Schülerinnen und Schülern mehr Lernzeit bietet, ihre individuellen Begabungen zu entdecken und zu entfalten. Die Lehrerinnen und Lehrer haben mehr Möglichkeiten für in­dividuelle Förderung zum Ausgleich von Lerndefiziten und zur Unterstützung besonderer Begabungen. Es besteht mehr Zeit für Exkursionen, Schulfahrten, Schullandheimaufenthalte und internationale Begegnungen, die die Lernmotiva­tion und kulturelle Bildung fördern und einen Beitrag für das gegenseitige Ver­ständnis und die kulturelle Vielfalt bieten. Die größere Lernzeit gibt den Schüle­rinnen und Schülern mehr Zeit und Freiraum für Aktivitäten außerhalb der Schule in Sportvereinen, Musikschulen und für soziales Engagement in kirchlichen und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen.

Das 9-jährige Gymnasium ist somit ein Beitrag zur Erhöhung des Bildungsniveaus und der Chancengleichheit sowie ein wichtiger Beitrag zur - individuellen - Per­sönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler.

Das Gymnasium ist die Schulform, die im Schuljahr 2012/2013 mit 41,9% die meisten Schülerinnen und Schüler der 5. Klassen aufgenommen hat, gefolgt von den Realschulen mit 25,3% und den Integrierten Gesamtschulen mit 24,8%. Die Schülerschaft an Gymnasien ist heterogener und vielfältiger geworden nicht zu­letzt auch durch die verstärkte Aufnahme von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Durch die Inklusion ergeben sich in den nächsten Jahren neue Herausforderungen für die Gymnasien. Insofern ist es nicht nachvollzieh­bar, dass diese zusätzlichen Aufgaben in weniger Lernzeit bewältigt werden kön­nen, ohne dass das Bildungsniveau und die individuelle Förderung aller Schüle­rinnen und Schüler Schaden nehmen.

Wir wenden uns mit diesem Schreiben bewusst auch an die Medien als 4. Gewalt im Staat, um deutlich zu machen, dass der Eindruck, die Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern wären mit dem Hausaufgabenerlass in Folge von G8 einverstanden, nicht zutreffend ist. Da das Ministerium eine Evaluation von G8 angekündigt hat, ist es unser Anliegen, hierzu einen Diskussionsbeitrag zu geben. Wir sind auch gerne bereit, unsere Bedenken mündlich dem Ministerium, den Fraktionen des Landtags, dem zu G8 einberufenen „Runden Tisch" und ge­genüber den Medien zu erläutern.

Mit freundlichen Grüßen

Schulleiter und Vorsitzender der Schulkonferenz

Für die Lehrerkonferenz

Für die Schülervertretung

Für die Schulpflegschaft

Faksimile des Briefes

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